Anke Klingemann
Interview mit Anke Klingemann (mit 14 Jahre alt zur Nationalmannschaft, REKORD ?!)
1. Damals wurden die anderen Schülerinnen und du in der Gehörlosenschule in Osnabrück beim Volleyball gefördert. Ihr hattet ja großen Erfolg bei deutschen Jugendmeisterschaft und einige von euch wurden Nationalspielerinnen. Warum ist das jetzt nicht mehr so?
Als unsere ehemalige Nationaltrainerin, die als Gehörlosenlehrerin in Osnabrück tätig war, uns Volleyball anbot, waren viele junge Menschen am Sport sehr interessiert. Die Teilnahme am Sport ermöglichte es mir wie auch den anderen, andere Gehörlose aus ganz Deutschland kennen zu lernen. Um den Kontakt mit den anderen Gehörlosen zu erhalten, bleibe ich am Ball. Darüber hinaus konnte ich von den gehörlosen Erwachsenen im Volleyballverein viel lernen und mich mit ihnen ohne Kommunikationsbarriere unterhalten. Außerdem war ich sportbegeistert und wollte mich immer bewegen, schon als ich klein war. Die Zeit von damals bis heute hat sich leider geändert, wie sich auch die Gesellschaft verändert hat. Es gibt viele verschiedene Faktoren, weshalb die jungen Menschen sich weniger für Sport interessieren. In Osnabrück besuchten immer mehr die CI-Träger. Außerdem schickten viele hörende Eltern ihren gehörlosen Kindern nicht mehr in den Gehörlosenverein, aus Angst, die Lautsprache durch den Einsatz der Gebärdensprache zu verschlechtern. In der heutigen Zeit haben die jungen Menschen auch die Möglichkeit bei verschiedenen Freizeitmöglichkeiten Kontakt zu anderen Gehörlosen zu knüpfen, und zwar ohne Sport, wie z. B. Internet, Chat, Party.
2. Bei den Deaflympics `89 in Christchurch/Neuseeland warst du als 14jährige nominiert worden. Dort bist auch gleich Weltmeister geworden. Vielleicht bist du die bis jetzt jüngste Weltmeisterin aller Zeiten (hi). Unglaubliches Gefühl als Weltmeister!?
Damals wusste ich nicht, wo Neuseeland eigentlich liegt. Als ich mich dann näher erkundigte, erfuhr ich, dass dort mehr Schafe als Menschen leben und dass Neuseeland am Ende der Welt liegt. Dass ich als jüngste Spielerin Weltmeisterin werden durfte, das war echt unglaublich. Die älteren Spielerinnen haben jedoch am meisten gekämpft. Damals war ich noch unerfahren. Aber ich war sehr glücklich. Bis heute habe ich dieses besondere Erlebnis nicht vergessen.
3. Nach dem Weltmeistertitel seid ihr bei den Deaflympics nicht mehr auf dem Podium gestanden? Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Damals waren viele Spielerinnen bereit, in hörenden Vereinen zu trainieren, sogar mehrmals in der Woche. Sie waren sehr ehrgeizig und sahen die sportliche Leistung als Herausforderung. Heute gibt es immer wieder das Argument: „ABER…“
4. Nach der Streichung der Deaflympics in Melbourne müsstet ihr bis zur EM in Belgien 2007 an die guten Leistungen von früher anknüpfen, um dann bei den Deaflympics in Taiwan dabei zu sein. Wirst du als langjährige Nationalspielerin für dieses Ziel kämpfen und solange dabei sein?
Solange nichts dazwischen kommt, kämpfe ich natürlich weiterhin für die Teilnahme bei den Deaflympics. Voraussetzung dafür ist, mein Leistungsniveau zu erhalten bzw. zu verbessern.
5. Wahrscheinlich wird unser Volleyballstar als Beachervolleyerin in Taiwan dabei sein, wenn sie es schafft. Dann wirst du als eine der Älteren vielleicht in die Nationalmannschaft führen? Oder liebäugelst du auch mit Beach?
Ich glaube eher, dass ich zu den älteren Spielerinnen gehöre. Man weiß nicht, ob jemand, der älter ist, dann noch spielt. Wenn ich eine Chance beim Beachvolleyball habe, würde ich nicht Nein sagen.
6. Du warst lange beim GSV Osnabrück, dann bist du plötzlich zum GSV Bonner/Kölner GSV gewechselt. Vor einem Jahr bist du beim GSV München eingetreten. Ist das dein letzter Verein?
Ich glaube schon, dass der GSV München mein letzter Verein ist. Ich kann jedoch nicht voraussagen, wie es in den nächsten 10 Jahren aussieht. Ich habe jedoch schöne Erinnerungen an Osnabrück und Köln/Bonn. Ich möchte mich beim GSV Osnabrück ganz herzlich bedanken, dass sie sich viel Mühe gegeben haben, mich zu fördern und meine Leistung aufzubauen. Danke auch an die Kölnerinnen für die schöne Erfolgszeit und Stimmung!
7. Damals gab es viele Volleyball-Vereine in Deutschland. Jetzt sind es zu wenig. Weshalb ist das so?
Ja, es ist leider so. Wie erwähnt, gibt es heute wenige sportbegeisterte Gehörlose. Meiner Meinung nach fehlt hier eine enge Zusammenarbeit zwischen der Schule und dem Verein, um sporttalentierte Schüler/innen in den Volleyballverein zu werben. Viele alte gute Spieler/innen steigen, wenn sie mit dem Volleyball aufhören, auch ganz aus der Volleyballwelt aus. Natürlich haben sie das Recht auf ihre Entscheidung, die wir auch respektieren. Jedoch fehlt in den meisten Volleyballvereinen einfach eine Führungsperson als Trainer, Abteilungsleiter, etc., um ihre Erfahrung und ihr Vorbild an die jungen Spieler/innen weiter zu geben. Heute übernehmen häufig selbst die noch aktiven Nationalspieler/innen Trainerposten, wobei das für sie eine Doppelbelastung bedeutet. Außerdem muss ein neues Konzept vom DGS kommen und es muss eine bessere finanzielle Unterstützung für die jungen Spieler/innen geben.
8. Die Deutsche Mixed Meisterschaft (Indoor und Beach) wurde schon je 4 bzw. 2 mal ausgetragen. Sollte es so weitergehen?
Ja, warum nicht. Denn es finden sonst nur wenige Volleyballveranstaltungen im Jahr statt. Außerdem haben einige Vereine, die keine reine Damen- bzw. Herrenmannschaft bilden können, eine Chance daran teilzunehmen.
9. Was machst du in deiner Freizeit in deinem neuen Leben in Bayern?
Hier gibt es viele Ausflugsmöglichkeiten, wie Bergwandern und Tauchen im See oder im Fluss, Schwimmen und Radfahren (aber kein Mountainbiking). Und Squash spielen gehört einfach dazu. Ansonsten treffe ich gerne meine Freunde.
10. Wie findest du unsere Homepage?
Einfach toll! Dadurch bekomme ich endlich aktuelle und interessante Informationen. Beim Forum können wir unsere Meinung, Kritik, etc. austauschen. Mach weiter so! Es sollte in Zukunft auch brisante Neuigkeiten geben.
Reporter Matthias Bork